Wenn mehr und mehr Bewegungen und Spektren in gemeinsamen oder sich bewusst solidarisch ergänzenden Kämpfen zusammen kommen, dabei gegenseitig voneinander lernen und Stück für Stück eine gemeinsame Vision und Erzählung entwickeln – dann können wir miteinander einiges oder vielleicht auch sehr viel erreichen. Für das Zusammenkommen der Einzelbewegungen und -Spektren ist G20 in Hamburg eine Chance. 

Exponentiell rigoros rücksichtsloser

Bei allen Differenzen sind die Regierungen der G20 sich in einem Punkt einig: die kapitalistische Profitmaschine muss am Laufen gehalten werden – koste es was es wolle, und wenn es die Zukunft der Menschheit ist. Wie üblich verkaufen sie dies mit dem gezielt irreführenden Begriff „Wachstum“.

Kapitalistisches „Wachstum“ ist nicht abstrakt, sondern findet in der realen stofflichen Welt statt. Es verläuft exponentiell – immer schneller und schneller. Das führt bei beispielsweise 3% jährlicher globaler Kapitalexpansion innerhalb von gerade mal 23 Jahren zu einer Verdoppelung der Gesamt-Kapitalmenge, die sich dann entsprechend weiter verwerten will. Dieses passiert durch Arbeit von Menschen mit begrenzt leidensfähigen Körpern und Seelen, auf einem sich nicht aufblähenden, sondern begrenzten Planeten mit begrenzten Schadstoffsenken und Basis-Ressourcen wie z.B. Wasser, Ackerböden, Wäldern. Folgen dieses Widerspruchs sind u.a. der Klimawandel und die Krise der Reproduktion. Auch ein „grüner“ Kapitalismus unterläge weiterhin dem Wachstumszwang mit entsprechend steigendem Ressourcenverbrauch.

Kapitalistisches „Wachstum“ begünstigt die Reichen zulasten der Arm-Gemachten. Es geschieht durch Eroberung zuvor nicht kapitalistisch beherrschter Bereiche, in Form von „Extraprofiten“ durch Mono- bzw. Oligopole oder in der Konkurrenz des Marktes – gemäß dem angeblichen „Recht“ der Größeren, Stärkeren, rigoros Rücksichtsloseren. Es geht einher mit Hauen und Stechen, Ausbeutung und Ausschlüssen, Panzern und Bomben, „Freihandels“-Verträgen bzw. Protektionismus, etc.

Expansion – Ungleichheit – Kollaps – Showbiz – Zukunft

Die kapitalistische Expansion hat sich von Europa aus in fünf Jahrhunderten über den Planeten ausgebreitet. Von diesem „Wachstum“ haben – wenn auch höchst ungleich – große Teile der Bevölkerungen des globalen Nordens materiell in der Summe signifikant profitiert. Im globalen Süden hingegen hinterließ der europäisch-kapitalistische Raubzug eine tiefe Spur von Völkermord, Versklavung, Plünderung sowie die extraktivistische Degradierung vieler Länder zu bloßen Rohstofflieferanten. Die damit einhergehende brutale, zutiefst anti-demokratische soziale Ungleichheit hat heute ein beispiellos extremes Maß erreicht: acht einzelne Männer besitzen mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Zugleich steuert der Kapitalismus die Menschheit – bzw. zunächst den globalen Süden, der bisher viel stärker betroffen ist – auf einen umfassenden ökologischen Kollaps zu:

  • schon heute vollzieht sich die Überschreitung einiger Kipp-Punkte im globalen Klimasystem (z.B. Auftauen von zuvor Sonnenlicht reflektierenden Eisflächen, dadurch weitere Erwärmung);
  • schon heute kommt es aufgrund des Klimawandels deutlich häufiger zu deutlich heftigeren Extremwetter-Ereignissen, wodurch Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen zerstört werden;
  • schon heute haben die globalen Zerstörungen u.a. von Biodiversität, Süßwasservorkommen, Ackerböden, Wäldern und ozeanischen Ökosystemen alarmierende Dimensionen erreicht.

Es gehört in dieser Situation ein enormes Maß an Illusionen, Verdrängung, Gleichgültigkeit, Ignoranz, Lügen, „alternativen Fakten“ und Showbiz dazu, nach wie vor wie die G20 zu behaupten, kapitalistisches „Wachstum“ könne in größerem Umfang die globale Armut tragfähig aufheben.

Eine menschliche Zukunft, die diesen Namen verdient, wird es nur geben, wenn Kapitalismus und alle weiteren Herrschaftsformen so schnell wie möglich überwunden werden. Nur dann werden wir gemeinsam eine solidarische Ökonomie organisieren können, die nicht zwecks räumlich-zeitlicher Krisen-Verschiebung darauf angewiesen ist, unendlich zu expandieren. Nur dann werden wir die dringliche Umverteilung materieller Güter sowie die ebenso dringliche sozial-ökologische Transformation unserer Produktions- und Lebensweisen hinbekommen. Und nur dann werden wir die lebendige Vielfalt menschlicher Kulturen und Wissenschaften nutzen können, um trotz gravierender Folgen u.a. des Klimawandels ein gutes Leben für Alle einschließlich kommender Generationen zu realisieren.